Die Bundesregierung meint es mit der Unterstützung von Fintechs ernst. Gerade hat Finanzstaatssekretär Jens Spahn bekannt gegeben, dass die Regierung gemeinsam mit der KfW-Bank an der Errichtung eines Fonds arbeitet, der speziell jungen Unternehmen in der Wachstumsphase helfen soll. Und auch in Sachen Regulierung soll Jungunternehmen unter die Arme gegriffen werden. „Mit der Neuausrichtung der steuerlichen Verlustverrechnung wollen wir Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen das weitere Wachstum erleichtern“, so Staatssekretär Spahn im Interview mit dem FintechInsider.

Außerdem erzählt Spahn von seinen persönlichen Erfahrungen mit der Digitalisierung der Finanzwelt und von seinen Plänen, die Fintech-Szene weiterhin zu fördern.

 

Herr Spahn, vor etwa einem Jahr haben Sie sich in einem Interview darüber beschwert, dass viele Ihrer Berliner Lieblingslokale nur Bargeld annehmen. Hat sich das geändert?

Es hat sich ein bisschen was getan. Immer häufiger bieten die Kellner eine Kartenzahlung über ein Tablet und ein kleines mobiles Lesegerät an. Aber im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten hinkt Berlin da weiter hinterher.

Ist Mobile Payment der nächste große Wurf im Bereich der FinTechs? Und welche Schwerpunkte gibt es aus Ihrer Sicht darüber hinaus?

Der Erfolg einzelner Produkte oder Dienstleistungen hängt von vielen Faktoren ab. Ein ganz entscheidender ist der Nutzen für den Kunden, unabhängig davon, ob es sich um ein innovatives Handybezahlverfahren oder eine innovative Plattform für die Geldanlage handelt. Finanzdienstleistungen sollen sofort, auch am Wochenende und unabhängig vom Aufenthaltsort des Nutzers verfügbar sein. Wer entsprechende Lösungen entwickelt, dürfte Chancen auf den nächsten „großen Wurf“ haben. China ist beispielsweise viel weiter, was Mobile Payment-Lösungen betrifft. Da kann man mit einer App den Tisch im Restaurant reservieren, bestellen, bezahlen und auch noch dem Nachbarn Geld für dessen Essen leihen.

Was zeichnet eigentlich ein gutes FinTech aus?

Drei Faktoren fallen mir da ein: Erstens, Nutzerfreundlichkeit. Hierin sind FinTechs häufig besonders stark. Produkte oder Dienstleistungen müssen passgenau auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten sein. Oftmals geht es ja nicht um gänzlich neue Produkte, sondern um die Art und Weise, wie der Zugang zu altbekannten Finanzdienstleistungen einfacher gestaltet wird. Zweitens, ein tragfähiges und skalierbares Geschäftsmodell: Perspektivisch sollte ein FinTech die nötige Marktdurchdringung erreichen und sich nach der Innovations- und Anschubphase selbst finanzieren. Drittens, verantwortliches Handeln: Nicht alles was erlaubt ist, sollte gemacht werden. Das gilt gerade dann, wenn die Risiken in keinem angemessenen Verhältnis zum gesellschaftlichen Nutzen stehen.

Bisher war Berlin FinTech-Hauptstadt. Doch eine Untersuchung von FintechInsider und Joblift24 hat kürzlich ergeben, dass andere Metropolen für junge Startups immer interessanter werden und aufholen. Wie sieht die deutsche FinTech-Landkarte in drei Jahren aus?

Es ist eine tolle Nachricht, dass viele Standorte in Deutschland attraktive Rahmenbedingungen für Startups bieten. Konkurrenz belebt das Geschäft – wie man so schön sagt.

Parlamentarischer Staatssekretär Jens Spahn – Foto: Jörg Klaus

Das BMF hat gerade eine große FinTech-Studie veröffentlicht. Welches Fazit zieht die Bundesregierung über die Branche?

Kooperation ist der Weg zum Erfolg. 87% der Banken, die an der FinTech-Studie im Auftrag des Bundesfinanzministeriums teilgenommen haben, sind kooperationsbereit. Es zeigt sich, dass FinTechs und etablierte Banken verstärkt zusammenwachsen, statt Herausforderer oder Konkurrenten zu sein. Sie brauchen sich gegenseitig. FinTechs haben häufig die innovativen Ideen, sind agil und schlank strukturiert. Banken haben langjährige Erfahrung, eine große Kundenbasis, regulatorisches Knowhow und auch – zumindest in Deutschland – immer noch einen Vertrauensvorsprung gegenüber Technologieunternehmen. FinTechs haben zu einem Entwicklungsschub bei den etablierten Banken beigetragen. Letztere mussten erkennen, dass Innovations- und Digitalisierungsstrategien keine Option, sondern ein Muss sind, um dauerhaft Kunden an sich zu binden.

Und wie sieht die Wachstumsstrategie aus?

Für die individuelle Wachstumsstrategie ist jedes Unternehmen selbst verantwortlich. Wir sorgen dafür, dass die Rahmenbedingungen stimmen und an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Uns ist wichtig, Innovationen und Gründergeist zu fördern und gleichzeitig neue Risiken für Nutzer und Finanzstabilität im Auge zu behalten. Die richtige Balance ist hier der Weg zum Erfolg.

Nach dem Brexit haben Experten erwartet, dass viele Londoner FinTechs nach Deutschland kommen. Doch dieser Umzug blieb bisher aus. Was fehlt dem Standort Deutschland insbesondere gegenüber London?

Viele Unternehmen werden mit ihrer Standortentscheidung noch warten, bis mehr Klarheit herrscht. Der Standort Deutschland ist jedenfalls gut aufgestellt. Wir sind der größte Finanzplatz Kontinentaleuropas, wir bieten eine leistungsfähige Infrastruktur, ein stabiles politisches und ökonomisches Umfeld, eine effiziente Verwaltung, hohe Rechtssicherheit, erstklassige Forschungseinrichtungen und eine hohe Lebensqualität.

Ein großer Hemmschuh für Gründer ist stets die Regulierung. Was kommt da demnächst an Erleichterungen bzw. Verschärfungen?

Wir haben einiges auf den Weg gebracht, das Vorteile für Start-ups bringt. Zwei Beispiele möchte ich hier nennen: Erstens, mit der Neuausrichtung der steuerlichen Verlustverrechnung wollen wir Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen das weitere Wachstum erleichtern. Steuerliche Hemmnisse bei der Unternehmensfinanzierung durch Neueintritt oder Wechsel von Anteilseignern sollen beseitigt werden. Dazu haben wir gerade einen Gesetzentwurf vorgelegt. Die Neuregelung trägt der Situation von Unternehmen Rechnung, bei denen für die Unternehmensfinanzierung häufig die Neuaufnahme oder der Wechsel von Anteilseignern notwendig wird und derzeit nicht genutzte Verluste wegfallen würden. Zweitens arbeiten wir an dem Gesetz zur Umsetzung der Zweiten Zahlungsdiensterichtlinie, mit dem wir neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Kontoführende Kreditinstitute müssen – unter Einhaltung bestimmter Sicherheitsvoraussetzungen – regulierten Dienstleistern Zugang zu den im Online-Banking geführten Zahlungskonten gewähren. Dies eröffnet sowohl traditionellen Banken als auch innovativen Unternehmen neue Geschäftsfelder.

Haben Sie noch ein Konto bei einer traditionellen Bank? Wenn ja, wie lange noch?

Ein Wechsel ist derzeit nicht nötig, ich bin mit dem Online-Banking meiner Hausbank sehr zufrieden.

Vielen Dank für das Interview.