Der Markt für Fintechs wächst und wie eine aktuelle Studie zeigt, sind vor allem B2B-Fintechs auf dem Vormarsch. Sie treten zwar als Herausforderer der Banken auf, doch sie sind auch optimale Übernahmeziele für die Branchenriesen – ganz im Stile von Facebook, das sich Whatsapp und Instagram, die zwei größten Konkurrenten, einverleibte.

Doch bevor eine Bank ein Fintech übernimmt, möchte sie auch wissen: Lohnt sich das? Kann das was? Bei etablierten Unternehmen schaut man in den Geschäftsbericht, doch was macht man bei Startups? Wie kann man ein Fintech in der frühen Phase bewerten, wenn es kaum öffentliche Zahlen gibt?

Dies diskutieren wir mit Earlymetrics, einer Ratingagentur für Startups. Was macht das Analysehaus anders als klassische Anbieter wie S&P? Woran erkennt man ein gutes Startup? Wir fragen nach, bei CEO Antoine Baschiera:

Antoine, ihr habt unzählige Startups bewertet und analysiert. Habt ihr dabei den Schlüssel zum Erfolg eines Startups entdeckt?

In der Tat haben wir ein gewisses Muster erkannt. Es gibt drei Säulen, auf denen der Erfolg eines Startups beruht:

  1. Ein starkes Team
  2. Ein innovatives Projekt
  3. Ein breiter und erreichbarer Markt

Der wichtigste Faktor ist dabei das Team. Es ist besser ein großartiges Team und ein nicht so gutes Projekt zu haben als ein großartiges Projekt und ein nicht so gutes Team. Das trifft vor allem auf junge Unternehmen zu.

Startups haben keine Veröffentlichungspflichten wie börsennotierte Unternehmen. Dementsprechend gibt es keine öffentlichen Informationen zu den Startups. Woher nehmt ihr eure Informationen?

Antoine Baschiera
CEO – Early Metrics

Wir haben drei Hauptquellen für unsere Analyse.

Die erste Quelle ist das Startup selbst. Das Management füttert uns mit Informationen und gibt uns Einblick in ihr Geschäftsmodell.

Die zweite Quelle ist unsere hauseigene Recherche und die dritte Quelle ist unsere eigene Erfahrung – im Laufe der Zeit hat sich ein riesiges Archiv an Ratings angesammelt.

Die dritte Quelle ist nicht zu unterschätzen. Wenn nämlich jemand behauptet, sein Startup habe 1 Millionen Kunden, dann durchschauen wir ihn sofort. Wir wissen ganz genau, wie ein Unternehmen mit 1 Millionen Kunden aussieht.

Hat schonmal jemand versucht euch zu täuschen, um sich ein besseres Rating zu erschleichen? Woher wisst ihr, dass die Informationen stimmen?

Wir wissen es, weil wir mit jedem Startup einen Vertrag abschließen. Wenn das Unternehmen danach falsche Informationen liefert, macht es sich strafbar.

Aber der wichtigste Grund, warum die Startups mit uns kooperieren: es liegt in ihrem Interesse. Es bringt ihnen nichts, wenn sie mit einem falschen Rating an einen Investor herantreten – dieser ist auch nicht dumm und langfristig könnte dies den Ruf des Startups zerstören.

Und letztlich ist es sehr schwer uns hinters Licht zu führen. Wir haben schon so viele Unternehmen analysiert und bewertet, dass wir ein gutes Gefühl dafür haben, wie es dem Unternehmen geht. Übrigens schauen wir auch nicht nur auf Zahlen und Daten, sondern auch auf das Team, das Geschäftsmodell und die Kompetenz der Mitarbeiter.

Wie viele Startups habt ihr schon bewertet?

Mehr als 1.100 Startups. Die Mehrheit davon aus Europa und Israel. Übrigens hat Israel eine sehr starke Startup-Kultur und hat viele Startups im Verteidigungs- und Cleantech-Bereich.

Die traditionellen Ratingagenturen wie S&P sind während der Finanzkrise ziemlich auf die Nase gefallen. Das Vertrauen in Ratings ist geschädigt. Wie wollt ihr das Vertrauen in eure Ratings aufbauen?

Wir wissen natürlich, dass die herkömmlichen Ratingagenturen ein Vertrauensproblem haben und genau deshalb handeln wir nicht wie die alten Hasen. Wir tun genau das Gegenteil.

Wir haben einen komplett anderen Ansatz bei unserem Geschäftsmodell.

Die traditionellen Ratingagenturen leiden unter einem Interessenskonflikt, weil ihre Kunden die Unternehmen sind, die sie bewerten. Mit anderen Worten: S&P wurde von Lehman Brothers und Co. bezahlt, um ein Rating zu erstellen – das ist ein klassischer Interessenskonflikt.

Traditionelle Ratingagenturen leiden unter einem Interessenkonflikt Click to Tweet

Also haben wir uns entschieden niemals Geld von den Startups zu nehmen, die wir bewerten. Stattdessen sind unsere zahlenden Kunden Investoren, Banken und Konzerne wie Visa oder Airbus, die an gewissen Startups interessiert sind und ein Rating haben wollen.

Weiterhin ist unser Ansatz nicht so Datengetrieben. Eine Excel-Tabelle sagt wenig aus über ein Unternehmen in diesem frühen Stadium. Wir fokussieren uns deshalb mehr auf das Management, das Geschäftsmodell und den Markt, den das Startup erreichen möchte. In Wirklichkeit sind nur etwa 10 Prozent unserer Analyse reine Zahlen.

Und funktioniert euer Ansatz?

Ja, und wir haben sogar Beweise dafür. 70 Prozent der Startups, die von uns ein Top-Rating bekommen haben, haben in den folgenden zwei Jahren den Markt „outperformed“.

Kommen wir zu unserem Kernthema: Fintechs. Wie ist da der Stand der Dinge?

In der Tat wächst das Fintech-Segment derzeit sehr schnell. Vor allem in den letzten 2 Jahren ist die Zahl stark angestiegen – Tendenz steigend.

Da wir auch große Banken als Kunden haben, bekommen wir oft Anfragen, bestimmte Fintechs zu bewerten und zu analysieren.

Etwa 15 bis 20 Prozent aller Startups, die wir analysiert haben, waren Fintechs. Damit ist Fintech das größte Segment.

Nun zu euch, Earlymetrics. Wie groß seid ihr zurzeit und welche Pläne habt ihr mit eurer Rating Agentur?

Derzeit besteht unser Team aus 30 Leuten, bis Ende des Jahres werden wir aber schon fast 50 sein. Wir planen natürlich unsere Reichweite zu erhöhen und zu einem Global Player zu werden.

Zurzeit fokussieren wir uns auf Europa, wollen es aber natürlich nicht dabei belassen. Wir wollen verstärkt auch Startups in den USA und in Asien bewerten, weil dies vielversprechende Märkte sind.

Ihr seid ja selbst noch ein Startup. Habt ihr Investoren? Schreibt ihr schwarze Zahlen?

Natürlich haben wir auch Investoren, aber überwiegend finanzieren wir uns nicht mit externen Geldern. Wir waren in der Lage schon in der Frühphase große Kunden an Land zu ziehen, die uns einen stabilen Umsatz garantieren.

Außerdem haben wir es geschafft, von Tag 1 unser Geschäftsmodell zu monetarisieren.

Wie steht es um die Konkurrenz?

Es gibt sicherlich auch andere Rating Agenturen, die sich auf Startups konzentrieren. Allerdings ist der Markt noch recht jung und die traditionellen Ratingagenturen fokussieren sich eher auf etablierte Unternehmen.

Unsere indirekten Konkurrenten sind eigentlich klassische Beratungsfirmen wie die „Big Four“ (Deloitte, EY (Ernst & Young), PricewaterhouseCoopers (PwC) und KPMG); Anm. d. Red.).

Faktisch sind sie aber keine Konkurrenten, sondern eher Geschäftspartner. Denn wenn jemand von den Big Four mal ein Startup bewerten muss, dann werden sie eher an uns weiterreichen als die Bewertung selbst vorzunehmen. Damit sind die Big Four eher Kunden.

Vielen Dank für das Gespräch, Antoine.