Unternehmer und Selbständige kennen es: Der Kunde zahlt nicht – oder erst in 30 Tagen.

Diese 30 Tage fehlt dann wertvolles Kapital, das für den Unternehmer arbeiten könnte – stattdessen steckt es irgendwo beim Kunden fest, der natürlich nicht dumm ist und die Zahlungsfrist voll ausnutzt.

Das Problem ist alt. Die Lösung auch – und nennt sich Factoring.

Neu ist, dass immer mehr Fintechs (Finanztechnologie-Startups) sich diesem Problem annehmen. Ihre Zielgruppe: Vom Freelancer bis hin zum Mittelständler. Sprich: Alle Unternehmer, die nicht mehr auf ihr Geld warten wollen.

Echtes und unechtes Factoring

Die Fintechs, die Unternehmer flüssig machen wollen, lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Die Fintechs, die echtes Factoring betreiben, also die Forderung des Unternehmens abkaufen und damit auch das Risiko übernehmen. Und auf der anderen Seite diejenigen, die „nur“ vorfinanzieren. Die Forderung wird also nicht übertragen und dem Unternehmer wird lediglich ein Kredit gewährt, den er zurückzahlen muss, sobald der Kunde gezahlt hat.

Das hat vor allem rechtliche Gründe: „Viele Konzerne verbieten per AGB die Forderungsabtretung. Ein Unternehmer, der Großkunden bedient, kann deshalb nicht auf echtes Factoring zurückgreifen und muss die Vorfinanzierung via Kredit wählen“, erklärt Niklas Lechner von Innolend. Auf der anderen Seite widerspricht dem Christian Grobe von Billie: „Solche AGB-Klauseln stehen in Deutschland einer wirksamen Abtretung nicht entgegen.“ (Mehr dazu, können Sie hier nachlesen)

Zu den echten Factoring-Fintechs gehören beispielsweise Flex Payment und Fundflow. Hier passt auch, dass die Zielgruppe von Fundflow Freelancer und kleine Unternehmen sind, die ohnehin nicht mit Großkunden zu tun haben werden.

Unechtes Factoring betreiben Fintechs wie Innolend, Billie und Bezahlt.de, die als Zielgruppe eher Mittelständler haben. Innolend finanziert zwischen 5.000 und 250.000 Euro. Bei Billie liegt der Rahmen von 200 bis 200.000 Euro. Billie erklärte im Interview mit dem Fintechinsider, dass es in Zukunft auch echtes Factoring anbieten werde. Die Pilotphase laufe bereits und in einigen Wochen können Kunden dann wählen, ob sie ihre Forderung abtreten oder nur vorfinanzieren wollen.

Es tummeln sich also schon mehrere Factoring-Fintechs am Markt, die sich auf den ersten Blick sehr ähneln.

Doch braucht der Markt überhaupt Factoring-Fintechs oder bieten sie nur dasselbe in grün?

Gibt es überhaupt Bedarf?

Der Fintechinsider hat nachgefragt.

Sind die traditionellen Factoring-Anbieter zu langsam?

„Das größte Problem ist die Geschwindigkeit der klassischen Anbieter“, sagt Niklas Lechner, CEO von Innolend. „Sie brauchen bis zu drei Wochen, um den Fall zu bearbeiten. Dabei geht es bei der Vorfinanzierung ja gerade um Schnelligkeit.“

Sein Unternehmen zahle innerhalb von 24 Stunden einen Großteil der Forderungssumme aus – so das Versprechen. Der Rest komme, wenn die Forderung bezahlt werde. Andere Fintechs werben ebenfalls mit Auszahlungen innerhalb von 24 Stunden.

Targo Commercial Finance, Joachim Secker, Factoring

Joachim Secker, CEO der Targo Commercial Finance AG: „Es kommt sehr stark auf den Einzelfall an.“

Doch ganz so langsam wie es die Factoring-Fintechs darstellen, sind die traditionellen Anbieter dann doch nicht – jedenfalls nicht immer. „Es kommt sehr stark auf den Einzelfall an“, erklärt Joachim Secker, Vorstandsvorsitzender der Targo Commercial Finance AG. Targo Commercial Finance zählt zu den führenden Anbietern von Factoring in Deutschland und ging im Sommer 2016 aus dem durch die französische Bankengruppe Crédit Mutuel übernommenen Factoring- und Leasinggeschäft von GE Capital in Deutschland hervor. Secker leitet das Factoring-Geschäft und sieht im Marketingversprechen der Fintechs einen typischen Äpfel-Birnen-Vergleich: „Wenn alle Dokumente vorliegen und der Fall klar ist, dann erfolgt die Entscheidung, ob Factoring möglich ist, in der Regel innerhalb von 48 Stunden. Der Zeitraum variiert aufgrund verschiedenster Faktoren und hängt unter anderem von den Anforderungen und der Komplexität des Finanzierungsprojekts ab. Einmal genehmigt, erfolgen alle Rechnungseinreichungen online und werden direkt abgerechnet, also in weniger als 24 Stunden.“

Mit anderen Worten: Bei den traditionellen Anbietern sind die Tickets häufig größer und komplexer, deshalb dauert die erstmalige Prüfung und Auszahlung einfach länger. Kleinere Summen bearbeiten dagegen Fintechs schneller, weshalb vor allem wohl Unternehmer mit kleineren Summen bei Fintechs gut aufgehoben wären.

Weil die Targo Commercial Finance diese Lücke gesehen hat, kooperiert sie neuerdings mit dem Fintech Billie, das einen Verfügungsrahmen bis zu 200.000 Euro bereitstellt. Ein schlauer Schachzug: So kümmert sich das Fintech um die kleinen Tickets, die es ohnehin schneller als Targo Commercial Finance bearbeiten kann. Und der große Partner übernimmt die dicken Fische. „Mittlerweile hat man verstanden, dass die Lösung in der Mitte liegt, wo sich Finanz- und Technologieunternehmen treffen“, kommentiert Dr. Christian Grobe, Mitgründer von Billie, die Kooperation. Disruption, verstanden als Verdrängung der etablierten Banken durch Fintechs, hält der Zencap-Gründer für ein Marketingwort der Fintech-Szene, das für eine gute Story sorge, aber am Ende an der Realität des deutschen Finanzsektors vorbeigehe. Kooperationen seien jetzt die Zukunft.

Im Fokus: Das Factoring-Fintech Billie

Und in Kooperationen sieht Billie seinen Schlüssel zum Erfolg. Das Fintech arbeitet nämlich nicht nur mit Targo Commercial Finance zusammen (die auch gleichzeitig der Refinanzierungspartner ist), sondern auch mit der ETL Gruppe. Die ETL Gruppe ist laut eigenen Angaben Marktführer in der Steuerberatung und betreut mehr als 170.000 Mandanten. Billie hat gemeinsam mit der ETL Gruppe einen Algorithmus zur Risikobewertung vor allem kleiner Unternehmen entwickelt. „Anderen Factoring-Fintechs fehlen einfach die Daten. Sie haben zwar die Technologie, aber ihnen fehlt der Schatz an Datenbeständen – diesen bekommt man nur durch Kooperationen“, so Grobe.

Christian Grobe – Factoring Fintech Billie GmbH

Dr. Christian Grobe, Mitgründer der Billie GmbH: „Wir haben gar kein Interesse daran, bei den großen Tickets mitzumischen.“

Weiterhin möchte Billie durch seine Kreditexpertise überzeugen. Im Factoring Markt gehe es nämlich nicht ausschließlich um „Tech“, sondern eben auch um „Fin“. Die Erfahrung der Billie-Gründer im Rating von kleinen bis mittleren Unternehmen sei hier entscheidend. Grobe hat mit seinem Mitgründer Dr. Matthias Knecht die Firmenkreditplattform Zencap aufgebaut, die später vom britischen Funding Circle übernommen wurde.

Gegenüber den etablierten Playern möchte sich Billie (so wie andere Factoring Fintechs auch) vor allem durch zwei Dinge auszeichnen: Schneller Antragsprozess und Tickets bis 200.000 Euro. Die Factoring-Schlachtschiffe im Millionenbereich überlässt man gerne den „großen Jungs“. „Wir haben da gar kein Interesse daran, dort mitzumischen“, so Grobe.

Ein Factoring-One-Night-Stand gegen den Factoring-Vertrag

Ein weiterer Nachteil der Etablierten, den Fintechs oft ins Feld führen, sei die Bindung durch Rahmenverträge, die von Unternehmern verlangen, über einen bestimmten Zeitraum Forderungen abzutreten. Fintechs wie Innolend und Billie würden dagegen eine Art One-Night-Stand bieten: Man kann ohne Vertrag nach 24 Stunden eine Auszahlung erhalten. Man kann bereits ab der ersten Rechnung vorfinanzieren. Bei anderen Fintechs ist das nicht anders.

Bei den traditionellen Anbietern ist das nicht ohne weiteres möglich. Auf Nachfrage des Fintechinsiders, antwortete die Targo Commercial Finance: „Die Abwicklung einzelner Rechnungen ist nicht möglich.“ Der Grund: Man verstehe sich als langfristiger Partner des Kunden. Das macht vor dem Hintergrund, dass es sich ohnehin um global vernetzte und komplexe Unternehmen handelt auch Sinn.

Wachstumsmarkt Factoring

Dass jetzt auch immer mehr Fintechs ins Factoring streben, ist kein Wunder. Der Factoring-Markt wächst stetig und ist laut dem Deutschen Factoring Verband 2016 um 3,77 Prozent auf 216,8 Milliarden Euro gestiegen. Ein Milliardenkuchen, von dem die Fintechs auch etwas abhaben wollen.

Die Top-Branchen im Factoring sind laut dem Deutschen Factoring Verband Handels- und Handelsvermittlung, Herstellung von Metallerzeugnissen/Maschinenbau, Dienstleistungen, Fahrzeugbau und das Ernährungsgewerbe.

Neben diesen Kerngebieten gibt es auch Nischenanbieter wie Billfront, das sich auf Factoring für Medienunternehmen fokussiert hat und in Kooperation mit der Solarisbank in Deutschland durchstarten möchte. Wie groß der Markt sei und was sich Billfront verspreche, lies das Unternehmen leider unbeantwortet. Auf eine Anfrage des Fintechinsiders reagierte Billfront nicht – so viel zu „faster access“…

Apropos Factoring Verband: Das einzige Fintech im Verband ist derzeit Billie, weil es eine Bafin-Lizenz für Factoring hat (eine Bafin-Lizenz ist Aufnahmekriterium). Ob weitere Fintechs folgen, ist noch unklar. Der Verband weist in seiner Pressemitteilung jedenfalls darauf hin, dass Fintechs den Markt 2017 „weiter bewegen werden“. Sprich: Fintechs bringen Schwung in die Branche.

Factoring-Klassiker und Fintechs: Beide haben Recht

Um von diesem Schwung nicht abgehängt zu werden, kooperieren die großen Player immer häufiger mit den Newcomern. Solche Kooperationen sind Teil eines Trends in der Fintech-Welt: Anstatt Kampf steht Zusammenarbeit auf der Agenda. Hier wäscht eine Hand die andere: Die Fintechs sind digital und innovativ, die Banken haben die Kunden. Von Disruption spricht mehr kaum jemand. Die FAZ bezeichnete diesen Trend bereits als Zähmung der Fintech-Branche.

Wirklich angegriffen fühlen sich die großen Player jedenfalls nicht: „Eine Bedrohung sehe ich derzeit nicht, die Hürden für den Erfolg sind hoch und es bleibt abzuwarten, wie viele der neuen Player tatsächlich langfristig am Markt bestehen werden“, sagt Joachim Secker von der Targo Commercial Finance.

Die aktuellen Angebote scheinen dies zu bestätigen: Die Factoring-Fintechs machen vor allem für kleinere Finanzierungssummen Sinn. Bei den Millionen-Tickets werden die etablierten Anbieter wohl noch lange die Nase vorne haben. So haben beide Seiten ihre Existenzberechtigung. Der Kuchen scheint jedenfalls groß genug für alle zu sein.