Blockchain ist bei Finanzexperten in aller Munde.

Nur beim Verbraucher ist bisher kaum etwas angekommen.

Warum eigentlich?

Wir haben mit zwei Blockchain-Experten gesprochen und gefragt, wann die Blockchain endlich massentauglich wird.

Hauptsache es läuft

„Als Edison die Glühbirne erfand, da nutzten die Verbraucher die Glühbirne, hatten aber von Volt und Watt keine Ahnung“, erklärt Johann Horch, CEO der börsennotierten Niiio Finance Group AG, einer Softwareschmiede, die speziell Lösungen für Banken anbietet. Sein Unternehmen verwendet bereits seit vier Jahren Kryptographieverfahren und setzt nun auch auf Blockchain.

Mit anderen Worten: Dem Verbraucher ist nur wichtig, dass das Produkt funktioniert. Wie genau, das interessiert die Technik-Fans, aber nicht immer den Endnutzer.

So muss ein Texter heute auch nicht wissen, welchen Code seine Schreib-App verwendet. Ihm geht es nur um das Frontend – das Backend ist ihm egal. So weiß auch kaum ein Verbraucher wie ein Telefon im Detail funktioniert. Hauptsache es läuft.

Die gleiche Einstellung könne man auch gegenüber Blockchain im Finanzbereich haben, sagt Horch. „Blockchain wird sehr viel im Backend abwickeln, ohne dass es der Verbraucher merkt.“

„Es fehlt an geschultem Personal in den Banken“

Und wann wird das soweit sein, dass Anwendungen im Finanzbereich über die Blockchain laufen?

„Einen genauen Zeitpunkt zu nennen ist schwierig“, betont Horch. Die Technologie sei dabei schon längst bereit, die Banken wären allerdings sehr zurückhaltend bei der Einführung der neuen Technologie. Häufig fehle es in den Banken an geschultem Personal. Zudem würden auch die komplexen Strukturen eine Implementierung in die Länge ziehen.

Doch es gebe auch Licht am Ende des Tunnels. So hat die Niiio Finance Group eine Blockchain-Lösung entwickelt, die das Video-Ident-Verfahren ersetzen soll. Das Video-Ident-Verfahren wird häufig verwendet, um die Identität des Kunden zu bestätigen, wenn er beispielsweise ein Bankkonto übers Internet eröffnen möchte. Die Blockchain-Lösung von Niiio speichert die Identität in der Blockchain nach einmaliger Anmeldung. Danach kann man sich mit den in der Blockchain gespeicherten Daten überall im Internet ausweisen.

Der erste Kunde (ein Finanzhaus) teste das Produkt bereits und soll in wenigen Monaten an den Start gehen.

Johann Horch rechnet danach mit einer Kettenreaktion: „Wenn eine Bank das Konzept einführt, dann springen die anderen oft automatisch auf. Der Vorreiter hat nämlich eine Signalwirkung vor allem im regulatorischen Bereich. Für andere Banken heißt das: Die Bafin hat die Technik abgenickt.“

Ein weiterer Anwendungsfall der Blockchain ist die Internalisierung im Aktienhandel innerhalb eines Bankhauses oder innerhalb von Bankhäusern untereinander. Die Niiio Finance Group hat für Banken ein System entwickelt, das ihnen erlaubt Aktien-Transaktionen mit minimalen Kosten innerhalb der Bank oder mit anderen Banken durchzuführen. Dieses Produkt richtet sich allerdings nicht an Endverbraucher. Bis der „normale“ Aktienkäufer also Aktien via Blockchain kauft, dauert es also noch.

„Wir Deutschen tun uns etwas schwer“

Dass Blockchain noch eine Weile braucht, bis es massentauglich wird, glaubt auch Oliver Flaskämper, Vorstand der Bitcoin Deutschland AG. Sein Unternehmen ist eine 100-prozentige Tochter der Bitcoin Group SE und betreibt den Bitcoin-Handelsplatz bitcoin.de.

Oliver Flaskämper

Oliver Flaskämper: „Die Technologie hat in Deutschland einen holprigen Start hingelegt.“

„Viele Unternehmen befinden sich noch in der Entwicklung von Prototypen, so dass es noch etwas dauern wird bis die ersten Produkte auf dem Markt kommen werden. Gerade in Deutschland tun wir uns mit neuer Technologie etwas schwer, zudem hat die anfangs sehr negative Berichterstattung über die Kryptowährung Bitcoin, die erste Blockchain-Anwendung und praktisch der Erfinder, es der Blockchain nicht einfach gemacht ernst genommen zu werden.“

Damit habe die Technologie in Deutschland einen holprigen Start hingelegt. Diese anfängliche Skepsis scheine nun aber einer Euphorie zu weichen. „Inzwischen befasst sich so gut wie jeder Finanzdienstleister, Versicherungen und Energiekonzern mit der Blockchain. Aber auch in anderen Branchen wird die Blockchain-Technologie zum Einsatz kommen“, betont Flaskämper.

Diese Euphorie kann man derzeit auch an den Aktienkursen ablesen: In den letzten 6 Monaten ist die Aktie der Bitcoin Group SE um 671 Prozent gestiegen. Die Aktie schoss vor allem Ende Juni nach oben, nachdem das Unternehmen überraschend gute Umsatz- und Gewinnzahlen veröffentlicht hatte.

(Mehr zum Ansturm auf die Bitcoin Aktie in einem ausführlichen Artikel auf Börse ARD)

„Datenschutz: Es gibt noch viele Bretter zu bohren“

Die Nachfrage nach Bitcoins und Blockchain-Technologien steigt zwar rasant, doch die Politik hinkt noch hinterher. Oliver Flaskämper sieht Hürden nicht nur durch die Regulierung der Finanzbehörden, sondern auch durch den Datenschutz: „Deutschland hat eines der strengsten, wenn nicht sogar das strengste Datenschutzgesetz in der Welt. Und wenn man dann einem Datenschutzbeauftagten erklärt, dass man darüber nachdenkt Daten zukünftig in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zu speichern, dann sollte man etwas Baldrian dabeihaben.“

Hier seien viele dicke Bretter zu bohren, so der Experte. Derzeit werde die Blockchain-Technologie überwiegend im Ausland eingesetzt. Damit sich das ändert, müssten die Datenschutzgesetze angepasst werden. Ob sich die Politik darauf einlässt? Für Flaskämper nur eine Frage der Zeit, denn die Technologie sei einfach zu wichtig für den Standort Deutschland.

Daimler und LBBW nutzen Blockchain

In der Zwischenzeit gibt es allerdings schon Unternehmen und Banken, die auf die Blockchain-Technologie setzen. Oliver Flaskämper nannte uns einige Beispiele:

Daimler platzierte über die LBBW ein Schuldscheindarlehen im Volumen von 100 Mio. € und einer Laufzeit von einem Jahr. Die gesamte Transaktion wurde gemeinsam mit den IT-Tochter-Gesellschaften TSS (Daimler) und Targens (LBBW) komplett digital auf einer Blockchain abgebildet.

Darüber hinaus findet die Blockchain auch schon Einsatz im Bereich der dezentralen Stromgewinnung. Das Unternehmen Brooklyn Microgrid erprobt derzeit ein System über das private Solarstrom-Produzenten ihren Strom untereinander handeln können mit einer automatische Protokollierung der Daten auf der Blockchain.

Eine Frage der Zeit

„Im Grunde genommen, eignet sich die Blockchain überall dort wo Verträge geschlossen und protokolliert werden. So könnte beispielsweise auch das Führerscheinregister in Zukunft auf einer Blockchain basieren“, prognostiziert Flaskämper.

Bis die Polizei allerdings innerhalb von Sekunden einsehen kann, wer noch eine gültige Fahrerlaubnis hat, wird es etwas dauern.

Damit sind sich beide Experten einig: Die Technologie ist schon soweit – allerdings noch nicht die Banken, die Politik und die Verbraucher.

Das sei aber alles nur eine Frage der Zeit.