Geographie, Politik und Wirtschaft sind gewissermaßen drei Brüder, die kaum voneinander zu trennen sind. Während die Geographie das Grundgerüst des Wechselspiels zwischen Raum und Macht darstellt, verleiht die wirtschaftliche Lage der Region Wohlstand und bestimmt so das politische Handeln eindeutig mit.

Diese Erfahrungen hat auch das Bundesland Nordrhein-Westfalen gemacht. Während der Industrialisierung entwickelte sich der „Pott“ zum Zentrum der Schwerindustrie Deutschlands, in den Weltkriegen wurde die Region als internationale Rüstungsschmiede angesehen und nach dem Krieg hat sich NRW als „Schwungrad“ des wirtschaftlichen Neuaufbaus in Westdeutschland entwickelt.

Mittlerweile verschwindet die alte Industrie nach und nach und neue Wirtschaftszweige sind entstanden. NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland – und alleine das prädestiniert den Standort für wirtschaftliches Wachstum, auch in der Finanzszene.

Quasi im Herzen Europas hat das Bundesland durch seine internationale Ausrichtung eine Zweigstelle von ziemlich jedem Technologiekonzern. Top Anbindungen durch die zahlreichen (internationalen) Flughäfen und Fernverkehrsstrecken der Bahn kommen dazu.

Die Fintech-Metropolen Deutschlands liegen zwar eher in Berlin, Frankfurt und München. Doch die Comdirect Studie vom vergangenen November zeigt, dass immerhin vier Städte aus NRW unter den größten VC-Runden im letzten Jahr waren. Außerdem sind zurzeit in Köln etwa 26 und in Düsseldorf etwa 17 Finanz-Startups ansässig.

Fintechs aus NRW und die Landesregierung haben Fintech Insider erzählt, warum es für eine Gründung nicht immer Berlin oder Frankfurt sein muss.

Düsseldorf

 Dr. Frank Wüller, geschäftsführender Gesellschafter von Compeon

„Wir haben uns aufgrund von zwei strategischen Überlegungen für Düsseldorf als unseren Hauptsitz entschieden: Düsseldorf bietet großes Potenzial für Skalierbarkeit unserer Aktivitäten. Wir sind in den vergangenen Jahren sehr stark gewachsen und haben in eineinhalb Jahren rund 50 neue Mitarbeiter eingestellt. Da die Aufgaben immer spezialisierter werden, sind wir auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen, die wir hier im Großraum finden.

Durch die gute Infrastruktur in NRW profitieren wir von einem Einzugsgebiet weit über die Grenzen von Düsseldorf hinaus. Zusätzlich befindet sich Düsseldorf in einer Region mit einer attraktiven Unternehmensstruktur. Als Finanzportal für den Mittelstand möchten wir dort sein, wo auch unsere Kunden sind und Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit den meisten Unternehmen in Deutschland.“

Iserlohn

Till Sanders, Co-Founder + CPO von FinanzRitter UG 

Gleich nach unserer erfolgreichen Teilnahme am Dortmunder Gründungswettbewerb start2grow hatte unser Team das Glück zum Accelerator-Programm von Axel Springer Plug and Play nach Berlin eingeladen zu werden. Wir hatten so die einmalige Chance 100 Tage im Herzen der Start-up-Szene zu verbringen  professionelles Pitchtraining, viele interessante Start-ups und wertvolle Kontakte inklusive. Das war eine wirklich aufregende und gewinnbringende Zeit. Dennoch sind wir am Ende, wie geplant, zurückgekehrt ins Sauerland. Auch hier erfahren wir viel Unterstützung durch unser freundschaftliches Netzwerk, engagierte Wirtschaftsförderung und gute Infrastruktur. Wir wollen ein solides und nachhaltig geführtes Unternehmen sein. Wir wollen für unsere Kunden fair, ehrlich und unabhängig sein und mit unseren Mitarbeitern langfristig und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Mit anderen Worten: wir wollen bodenständig sein und fest verwurzelt in unserer Heimat, die uns all das ermöglicht hat. Wir brachten ein Stück Sauerland nach Berlin und ein Stück Berlin zurück ins Sauerland.“

Aachen

Sebastian Hasenack, Mitgründer und Geschäftsführer von investify

„Für investify hat eine europäische Denk- und Arbeitsweise einen hohen Stellenwert. Dafür ist Nordrhein-Westfalen der perfekte Standort – es ist Heimat der jetzigen Deutschlandniederlassung in Aachen und zugleich nah am Hauptsitz Luxembourg. Zwar kommen auch Teile unseres Gründerteams aus NRW, allerdings ist die Region auch ein großer Ballungsraum für Talente sowie Ressourcen für Marketing und Entwicklung. Außerdem haben wir in NRW viele verschiedene Kundengruppen mit denen wir unsere Produkte testen können. Während Berlin die Start-up-Szene anführt und Frankfurt Finanzmetropole ist, kann NRW diese beiden Welten durch ein breites Angebot vereinen. Demnächst wird investify nach Köln umziehen, NRW bleiben wir damit also treu.“

Köln

Dieter Fromm,  Gründer und Geschäftsführer von moneymeets

„Als der führende Fintech-Standort in Nordrhein-Westfalen bietet Köln bestehenden Unternehmen wie moneymeets, aber auch Neugründern und umzugswilligen Start-ups beste Möglichkeiten. Die Wirtschaftsregion Köln, zentral gelegen in der geographischen Mitte nahezu aller europäischen Metropolen, ist einer der bedeutendsten Wirtschaftsstandorte und Hochschulregionen Europas mit über 100.000 Studierenden. Köln ist zudem neben München einer der beiden großen Versicherungsstandorte in Deutschland. Die Nähe zu den Hochschulen und Unternehmen ist nicht nur da, sie wird auch intensiv gelebt, was sich in zahlreichen Kooperationen und gemeinsamen Projekten niederschlägt. Ähnliches gilt für den Kontakt zu den Banken, schließlich ist Frankfurt nur rund eine Stunde entfernt – und keine halbe Tagesreise… Die Kölner Szene ist gut vernetzt, Stadt, Land, Bund, IHK und Universität unterstützen zudem mit Initiativen wie dem Digital Hub und dem InsurLab Germany den Austausch zwischen Fintechs, Hochschulen und Finanz- und Versicherungswirtschaft.“

Mönchengladbach

Erik Winterberg, Gründer von Okiko 

„Ich will nicht nach Berlin“ , könnte der Song einer angesagten Band sein, oder aber auch das Motto von OKIKO. Was NRW und Mönchengladbach von den Hauptstadtlieblingen der Gründer unterscheidet ist die nackte Ehrlichkeit. Natürlich schwingt in Berlin, gerade für die Gründerszene, immer ein Hauch Glamour mit. Aber leider auch viel heiße Luft. Darum ist es wichtig geerdet zu sein. Unsere Stadt und NRW sind unsere Heimat. Hieraus beziehen wir unsere Bodenständigkeit: von Freunden, von der Familie und auch vom Netzwerk der Unternehmer. In keinem anderen Bundesland trifft man auf so viel Kompetenz, in vielen Bereichen, in einem Radius von nur einer Autostunde. Das hilft OKIKO sich schneller und nachhaltiger zu entwickeln. Natürlich wollen wir auch dem Standort etwas zurückgeben – gut bezahlte Jobs schaffen und damit auch den Wandel der Region unterstützen. Darum gilt umso mehr „Ich will nicht nach Berlin“.

Landesregierung

Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen

„Der digitale Wandel macht auch vor alteingesessenen Branchen nicht halt. Deutlich wird das besonders bei Banken und Versicherungen: Immer mehr FinTechs und InsurTechs strömen mit neuen Geschäftsmodellen in den Markt. Wichtig ist, dass die Digitalisierung als Chance begriffen wird und etablierten Unternehmen als Ansporn dient. Die Finanzwirtschaft hat das in meinen Augen erkannt. Ich sehe Nordrhein-Westfalen auf einem guten Weg. Nicht zuletzt dank innovativer Brancheninitiativen wie dem InsurLab Germany in Köln, das den Austausch und die Kooperation zwischen Startups und etablierten Unternehmen fördert. Wie die zahlreichen Maßnahmen zum Gigabit-Ausbau zeigen: Die erfolgreiche digitale Entwicklung hat für die Landesregierung hohe Priorität.“