Es gibt keinen Zweifel daran: Selten war weltweit die Stimmung für junge Unternehmen und Gründer so gut wie heute. Kaum ein Tag, an dem kein junges Unternehmen Millionenfinanzierungen verkündet. Die großen Tech-Konzerne Alphabet, Apple & Co haben längst milliardenschwere VC-Programme am Start, um die kreativen Ideenschmieden unter ihre Fittiche zu nehmen. Auch im Bereich der Finanztechnologie (Fintech) vollführen die Unternehmen dynamische Wachstumssprünge. Erst vergangene Woche hat die Berliner Solarisbank eine weitere zweistellige Finanzierungsrunde hinter sich gebracht.

Es läuft also wirklich rund. Nur in einem Punkt herrscht allgemeines Kopfschütteln: Bisher sind die Fintechs und die Börse keine Freunde geworden. Eigentlich sind beide wie füreinander geschaffen, doch während mit Snapchat & Co die Tech-Konzerne bei IPOs Milliardensummen einsammeln, herrscht in punkto Börsengänge bei Fintechs totale Flaute.

Lediglich Auxmoney, europäischer Marktführer im Bereich der Schwarmkredite, wagte sich im Herbst 2016 einmal kurz aus der Deckung: „Ein Börsengang ist eine Option, die wir sehr ernsthaft prüfen“, erläuterte CEO Raffael Johnen damals im Interview mit der Börsenzeitung. Auxmoney hatte im Januar dann zwar gemeldet, dass der niederländische Versicherungsriese AEGON 1,5 Milliarden Euro auf der Plattform investieren wird, doch von einem bevorstehenden IPO ist bislang nichts zu sehen.

Die Deutsche Börse AG hat zwar mit ihrem neuen Wagniskapitalsegment Scale gerade den Boden für junge Unternehmen noch einmal deutlich komfortabler bereitet. Doch bis auf Spezialwerte wie den afrikanischen Lending-Anbieter Mybucks, fehlen Fintechs am Parkett in Frankfurt bisher. Woran liegt das? Passen Finanz-Startups und die Börse nicht gut zusammen? Fintechinsider hat sich bei den Experten mal umgehört.

Fintechs werden aufgekauft, bevor sie es an die Börse schaffen

Laut Eric Leupold, dem Leiter der Deutsche-Börse-Abteilung Pre-IPO & Capital Markets, ist der Grund für die bisherige Zurückhaltung ganz einfach: Fintechs in Deutschland stecken noch in einer frühen Entwicklungsphase und haben die Börsenreife einfach noch nicht erreicht. Die jungen Unternehmen sind teilweise kaum mehr als ein/zwei Jahre alt. In dieser Zeit nicht nur die eigene Idee weiterzuentwickeln und zu skalieren, sondern gleichzeitig auch noch den Börsengang realistisch anzupeilen, ist nahezu unmöglich.

„Ein weiterer Grund ist, dass viele Fintechs sich mit ihrem Angebot nicht an Consumer, sondern an etablierte Finanzunternehmer richten. Die Folge: Große Unternehmen beteiligen sich an den Fintechs oder kaufen sie ganz – ein Börsengang ist damit ausgeschlossen“, erläutert Deutsche-Börse-Experte Leupold. So war die bisher größte Fintech-Investition in Deutschland ein M&A Deal, den auch noch ausgerechnet die Börse selbst machte: 2015 kaufte der Handelsbetreiber für 725 Millionen Euro die Devisenplattform 360T. Der Deal mit einem großen Partner scheint verlockender als ein Börsengang, wie auch das Beispiel der Fidor Bank zeigt. Das Unternehmen wagte zwar den Schritt an die Börse, wurde 2016 dann aber durch die BPCE Group übernommen.

Viele Fintechs scheitern an IPO-Anforderungen

Nur zwei Fintechs waren in den letzten zwei Jahren reif für die Börse und erreichten eine Erstplatzierung: MyBucks und Ferratum, die sich auf die Vergabe von Verbraucherkrediten in Europa spezialisiert haben. Das liegt auch an den Zulassungsbedingungen, die den jungen Gründern Kopfzerbrechen bereiten.

Für ein erfolgreiches IPO muss eine ausgefeilte Equity Story her, die auch branchenfremde Anleger überzeugt. Neben dem Investoreninteresse muss das makroökonomische Umfeld stimmen. Und auch das Pricing, also die Frage, wie man die jungen ambitionierten, aber in der Praxis meist noch wenig erprobten Fintech-Ideen bewertet. „Die Unternehmen müssen auch unsere hohen Transparenzanforderungen und Folgepflichten bei einer Börsennotierung erfüllen“, sagt Eric Leupold. Ein regelmäßiges Reporting, Finanzberichte, Research, IR-Beratung und ad-hoc-Publizität gehören dazu.

Das neue Segment Scale, das am 1. März gestartet ist, soll aber auch den Fintechs ein Listing erleichtern. Dieses Segment verbessert den Zugang zu Investoren und Wachstumskapital für kleinere und mittlere Unternehmen in der Later Stage. „Allerdings müssen diese erprobte Geschäftsmodelle aufweisen, die sich auch bei Investoren bereits bewährt haben, um am Kapitalmarkt das Interesse weiterer Investoren auf sich zu ziehen“, erklärt Leupold.

Fintech-Welt ist schwer zu durchschauen

Bevor Fintechs eine gewisse Börsenreife erreichen, müssen sie im Vorfeld Risikokapitel von Venture Investoren einsammeln. Doch auch hier, im frühen Stadium der Fintechs, stockt es. Das Fazit vieler potenzieller Geldgeber ist bisher eher bescheiden. Viele Fintechs sind den Beweis noch schuldig, dass ihr Geschäftsmodell auf Dauer funktioniert. Auf dem derzeitigen Stand scheuen Anleger vor Investments zurück.

Die Erfolgsquote von Startups liegt bei 10 Prozent

Direkte Investments in junge Fintech-Startups seien risikoreich, „weil die Erfolgsquote von Startups bei rund 10 Prozent liegt“, weiß Hartmut Giesen, zuständig für Business Development Fintech bei der Sutor Bank. Die Fintech-Welt ist, nach Ansicht von Giesen, für außenstehende Investoren schwer zu durchschauen. Das liege unter anderem daran, dass die Prozesse und die Regulatorik, der die Fintechs unterliegen, teilweise sehr komplex seien. Zum anderen sei schwer zu bewerten, ob die Fintechs tatsächlich noch innovativ sind und ein starkes Alleinstellungsmerkmal haben. Hartmut Giesen warnt daher vor der großen Gefahr „dass First-Time-Investoren ‚Dumb Money’ in schlecht abgekupferte ‚Copy Cats’ oder in Startups mit nicht nachhaltigen Geschäftsmodellen investieren.“

Erster Fintech-ETF in Europa gestartet – aber nur mit US-Fintechs

Sollten es Fintechs dann doch bis zum Börsengang schaffen, wäre die Erfolgsquote natürlich höher als bei 10 Prozent, weil eine Auslese schon im Vorfeld stattgefunden habe, erklärt Fintech-Experte Giesen. Doch auch Fintech-Investments an der Börse seien entsprechend risikoreich und volatil, wenn man in Einzelaktien investiere. Dies sei nur etwas für Anleger, die das entsprechende Risiko verkraften können.

Als Alternative eigne sich ein Investment in Fintech-Indizes. Seit Mitte März gibt es beispielsweise den Fintech-ETF des Anbieters Source, der die Entwicklung von 50 börsennotierten FinTech-Unternehmen in den USA widerspiegelt. Es ist der erste Fintech-ETF, den man in Europa kaufen kann. Der Vertrieb ist bereits in Deutschland zugelassen, doch gehandelt wird der ETF bisher nur in London. Zu den Fintechs gehören etablierte Unternehmen wie Paypal und Visa, aber auch Neuzugänge wie Square oder LendingClub.

Die Rahmenbedingungen müssen noch verbessert werden

Damit Fintechs und Investoren in Zukunft zueinander finden, müssen auch allgemeine Bedingungen verbessert werden. „Alle Beteiligten aus Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam daran arbeiten, ein starkes Ökosystems für Wachstum in Deutschland zu etablieren. Das ebnet dann auch den Weg zu mehr IPOs – auch für Fintechs“, sagt Leupold. Die Deutsche Börse leiste hierzu mit Angeboten wie dem Deutsche Börse Venture Network, dem neuen Segment Scale und dem FinTech Hub in Frankfurt ihren Beitrag.

Übrigens: Der Fintech Hub feiert am 26. April erst seinen ersten Geburtstag und verlässt damit das „Säuglingsalter“ – fast schon symbolisch für die deutsche Fintech-Szene.