Jeder kennt sie, denn sie sind quasi überall – die so genannten Ökolabels. Recyclingpapier, Haushaltsgeräte und Lebensmittel sind mit ihnen gekennzeichnet. Von vielen werden sie zwar immer noch belächelt, doch ihre Bekanntheit steigt. Auch in der Wirtschaft gibt es so etwas: das „B Corp“ Label. „B“, für Benefit, kennzeichnet Unternehmen, die umweltfreundliches und sozialen Wirtschaften verfolgen. Das Label lotet die Frage nach dem Unternehmenszweck neu aus: Finanzieller Erfolg gilt nicht mehr als alleiniges Optimum. In den Vordergrund rücken Fragen nach schonendem Umgang mit Ressourcen, einer sinnvollen Gewinnverwendung oder der fairen Stellung von Arbeitnehmern.

Wie unsere Gesellschaft zukünftig aussehen wird, kann die Wirtschaft stark mitbestimmen. Und sie tut es auch, selbst wenn sich viele Unternehmen ihres Potenzials im diesem Bereich nicht bewusst sind. Das gilt ganz besonders für die Welt der Zahlen: Denn so innovativ die Finanz-Startups beim Ersinnen neuer Services und Geschäftsideen auch sind: Beim Thema Nachhaltigkeit schludern viele Fintechs.

Möglichkeiten für grüne Fintechs

Dabei liegen die Möglichkeiten auf der Hand. Einen Markt könnten grüne Fintechs an vielen Stellen finden. Dirk Kannacher, Mitglied der Geschäftsleitung der GLS Bank, sieht drei Bereiche in denen Fintechs den Banken Konkurrenz machen könnten: Finanzierung, Payment und Wertpapieranlagen. Zwei von ihnen haben grünes Potenzial.

Die Finanzierung bietet, laut Kannacher, große Beteiligungsfelder. „Es gibt viele Berührungspunkte mit dem Thema Nachhaltigkeit, allein wenn man einen Blick auf Crowdfunding wirft. Beispiele wie Leih Deiner Umwelt Geld, Crowddesk oder startnext sind Vorbilder“, führt er fort.

Zwar lässt sich der Payment Bereich nicht sehr nachhaltig gestalten, dafür bieten Wertpapieranlagen wiederum Chancen. Denn auch bei Kunden wächst das Bedürfnis nach nachhaltigem Investment. „Die Rendite steht nicht im Vordergrund. Um das geeignete Produkt zu finden, kann eine Onlinesuche nach Angeboten z.B. mit Robo-Advisor oder anderen Services kombiniert werden“, sagt Kannacher.

Internationale Fintechs auf dem Vormarsch

Während man in Europa sehr genau suchen muss, gibt es am internationalen Markt schon mehr Beispiele für Fintechs, die sich für Nachhaltigkeit und soziale Entwicklung einsetzen.

Etwa Ekutir. Das Fintech erfasst die Zahlungsfähigkeit von Kleinbauern in Indien. Dazu sammelt es zum einen persönliche Daten, wie den Wohnort und Fakten über den Ernteertrag der letzten Jahre und kombiniert diese mit öffentlichen Informationen, beispielsweise dem Nährstoffgehalt des Bodens. Mikrokreditanbieter vergeben dank dieser Einschätzung mehr Kredite an Farmer, die ländlich wohnen oder bis dahin über keine Kreditgeschichte verfügt haben.

Außerdem ist Wissenstransfer eine weitere Hauptaufgabe des Fintechs. Es zeigt Bauern, wie sie besonders nachhaltig anbauen können und hilft Kooperationen mit Abnehmern aufzubauen. Das Ziel ist es Armut zu bekämpfen und Menschen in ländlichen Regionen zu stärken.

Ein ähnliches Projekt gibt es in Ghana. Farmable finanziert Kühe über Crowdfunding, 500 US Dollar werden pro Kuh benötigt. Der Bauer kann sich besseres Futter und Ställe für seine Tiere leisten und der Schwarm bekommt nach der Schlachtung seine Rückzahlung inklusive 10 % Rendite vom Bauern zurück.

Europa ist auch noch dran

Inas Nureldin ist Gründer und baut gerade eines der wenigen, nachhaltigen Fintechs in Europa auf. Die digitale, nachhaltige Finanzplattform GoodFolio soll Kunden bald die Möglichkeit bieten, ihr Geld nachhaltig anzulegen und dabei zwischen Wertvorstellungen, Industrien und Themenschwerpunkten für ihre Geldanlagen zu wählen.

Bisher werden Konzepte häufig nur technologisch, aber nicht inhaltlich überdacht. Der Gründer meint: „Nachhaltige Fintechs in Europa sind selten. Doch wenn man die Entwicklungen von Bio-Lebensmitteln, Ökostrom und fairen Textilien konsequent weiterdreht, kommt die Ausbreitung irgendwann bei der Finanzbranche an“, sagt er weiter. „Auch Kunden merken dann irgendwann das der Kauf von Bio-Bananen und dubiosen Fonds, bei denen mein Geld vielleicht in die Rüstungsindustrie fließt, nicht zusammenpassen.“

Damit sich nachhaltige Fintechs in Europa allerdings durchsetzen, müsste der Kunde einfacherer abgeholt werden. „Technologien müssen breitenwirksamer zugänglich gemacht werden“, fordert Nureldin.

UN bietet Lösungsansatz

Die Politik steuert ebenfalls Impulse bei: Die Vereinten Nationen lieferten in einem Bericht von Dezember 2016 einen Ansatz, wie Fintechs und nachhaltige Entwicklungsarbeit kombiniert werden könnten.

Die unten stehende Grafik zeigt das Prozedere. Die DNA der Fintechs und der nachhaltigen Entwicklungsarbeit können mit einer Werkzeugbox (hier „fintech for sustainable development gearbox“ genannt), zusammengeführt werden. Die benötigen Werkzeuge dafür sind Internet of Things (IoT), Blockchain und Artificial Intelligence (AI).

IoT und AI ermöglichen die „physikalische Welt“: Das heißt mit den richtigen Maschinen und Infrastruktur soll das Grundgerüst aufgebaut werden.

Als Ergänzung helfen intelligente Verträge durch Blockchain-Technologie, bisherige Limitierungen zu überwinden. Durch sie werden Vermögenswerte, Infrastruktur und Prozesse ausgebaut, die mit dem Finanzsystem interagieren und dabei Geschäftsmodelle verwenden, die vor zehn Jahren undenkbar waren.

Lehre neu gedacht: Der Gemeinwohlökonomie-Ansatz

Insgesamt machen die Ansätze klar, wohin es geht. Die Wirtschaftsidee steht vor tiefgreifenden Veränderungen. „Der Sinn unternehmerischen Handels wird in der Schule und der Universität falsch vermittelt. Nicht der Gewinn, sondern der Mehrwert für die Gesellschaft sollte beim Wirtschaften im Vordergrund stehen“, sagt Dirk Kannacher. Die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen sollten in jeder Unternehmenskultur eingebaut werden, fordert er.

Darüber hinaus lohnt es sich auch ökonomisch: Das internationale Bankennetzwerk Global Alliance for Banking with Values, welches nachhaltige Banken vereint, sieht einen klaren Wettbewerbsvorteil. Denn der Markt von Kunden, die an Nachhaltigkeit interessiert sind, ist groß und wächst dynamisch. Millennials, junge Erwachsene – eigentlich jeder der sich mit dem Zeitgeschehen auseinandersetzt – ist irgendwann mal auf das Thema Nachhaltigkeit gestoßen. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu den Ökolabels auf Lebensmitteln wieder. Denn der Umdenkprozess erreicht immer mehr Lebensbereiche und hat gerade erst begonnen.