168 Prozent Rendite. Ich staune nicht schlecht und schaue mir die Performance des Charts genauer an. Nein, es ist nicht der Dax – dieser hat im gleichen Zeitraum um rund 50 Prozent zugelegt. Die steile Kurve auf meinem Bildschirm gehört einem sogenannten wikifolio. Ein wikifolio ist ein virtuelles, für alle sichtbares Portfolio eines Traders. Ich will mehr erfahren. Klick.

Soeben bin ich in die Welt des Social Tradings eingetaucht. Es ist eine Mischung aus Trading und dem „Folgen“, das jeder aus den Sozialen Medien kennt. Trader stellen ihre Portfolios öffentlich zur Schau und jeder kann diese Strategie mit ein paar Klicks kopieren. Bei wikifolio.com* funktioniert dies über ein entsprechendes Zertifikat. Steigt das wikifolio, steigt der Wert des Zertifikats. Geht es mit dem wikifolio bergab, so geht auch das Zertifikat baden.

Wikifolio ist mit dieser Idee nicht allein. Die Konkurrenten heißen beispielsweise eToro und Ayondo. Letzteres bereitet gerade seinen Börsengang in Singapur vor.

Die Vorteile von Social Trading

Social Trading soll die Strategien der Experten für normale Menschen zugänglich machen, die selbst keine Zeit haben, sich intensiv mit Aktien zu beschäftigen. Wer sich keinen persönlichen Vermögensberater leisten kann, kann mit einem Klick das Portfolio des Social Traders kopieren. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Da die Aktien, ETFs und Co. nur virtuell gehandelt werden ist das Konzept nämlich unschlagbar günstig. Bei wikifolio zahlt man einen Ausgabeaufschlag von nur einem Prozent. Schichtet der Trader innerhalb des wikifolios um, so entstehen keine Transaktionskosten, die den Wert des wikifolios beeinflussen.

Yoni Assia - CEO von eToro

Yoni Assia – CEO von eToro: „Social Trader handeln mit ihrem eigenen Geld – nicht wie ein Großteil der Vermögensverwalter mit fremdem.“

Die Plattformanbieter sehen in Social Trading deshalb die Zukunft der Geldanlage und können sich einen Seitenhieb gegen die klassische Vermögensverwalterbranche nicht verkneifen: „Social Trading kann die gesamte Vermögensverwaltungsbranche auf den Kopf stellen. Eine Restrukturierung der Branche mit ihren überbezahlten Finanziers ist längst überfällig“, sagt Yoni Assia, CEO von eToro. „Außerdem handeln die Social Trader nicht mit fremden Geld, sondern mit ihrem eigenen – anders als der Großteil der Vermögensverwalter“, so Assia weiter. Allerdings hantieren nicht alle Social Trader mit ihrem eigenen Vermögen. Bei eToro ist dies Pflicht, bei anderen Plattformen können sich die Trader dies aussuchen. Ob dies der Fall ist, erkennt man auf den Plattformen an einem entsprechenden Hinweis.

Bisher ist Social Trading allerdings noch zu wenig bekannt, um dem traditionellen Vermögensmanagement wirklich gefährlich werden zu können. Deshalb dient es oft als innovative Ergänzung für Kenner. „Social Trading kann als fester Bestandteil einer Depotbeimischung gesehen werden“, erklärt Sarah Brylewski, Chief Marketing Officer der Ayondo Gruppe. Sozusagen das Sahnehäubchen oben drauf. Damit es auch zum Teig der Vermögensstrategie wird, fehlt es immer noch an Bekanntheit. Dabei hat Social Trading durchaus das Potenzial, den etablierten Playern Kunden abzujagen. „Social Trading kann in Zukunft mehr und mehr auch den Gang zum klassischen Vermögensverwalter ersetzen“, glaubt Brylewski.

So weit, so gut. Doch wo ist der Haken?

Die Risiken sind die Klassiker des Investierens

Wie bei jedem Investment gibt es beim Social Trading auch gewisse Risiken. Bei wikifolio beispielsweise kauft der Investor ein Zertifikat, das die Entwicklung des Trader-Portfolios abbildet. Bei einem Zertifikat ist man allerdings immer dem Emittentenrisiko ausgesetzt. Geht die Bank, die das Zertifikat herausgibt pleite, ist das Geld weg. Dies war lange Zeit einer der Gründe, warum Verbraucherschützer vor solchen Geldanlagen warnten. Doch die Branche hat ihre Hausaufgaben gemacht. Wikifolio hat nahezu alle Zertifakte auf der eigenen Plattform besichert und das Emittentenrisiko damit reduziert. „Damit ist das größte K.O.-Argument gegen Social Trading aus der Welt“, so Lukas Spang, erfolgreicher Trader auf wikifolio.com.

Die Gefahr ist auch, dass sich Follower von der Performance der Trader blenden lassen und Erfolge der Vergangenheit auf die Zukunft projezieren. Ein Fehler, der Followern eine böse Überraschung einbrocken kann. Investoren sollten deshalb nicht einfach auf die Performance des Traders schauen, sondern auf seine Strategie, empfiehlt Brylewski von Ayondo. Die Plattform sei auch stets bestrebt die Eigenverantwortung und das Risikomanagement der Investoren zu verbessern. Sprich: Anleger sollen nicht blind folgen und auch innerhalb der Plattform breit streuen. Das Gleiche rät auch der eToro-CEO Assia seinen Anlegern: „Eine breite Streuung gilt für Social Trading genauso wie für die klassische Geldanlage.“

Eine Besonderheit ist das Rating der Trader. Die Plattformen erstellen für jeden Trader eine Art Risikoprofil. So kann der Anleger sehen, ob er es mit einem halsbrecherischen „Alles-Oder-Nichts“-Trader zu tun hat oder einem eher ausgewogenen Trader folgt.

Ein häufiger Vorwurf gegen die Betreiber ist, dass nicht nur Profis traden können, sondern jeder, der sich einen Internetzugang leisten kann. Böse gesagt: Jede Hausfrau kann sich als „Trader“ ausgeben. Das mag in der Theorie zwar stimmen, allerdings sieht die Praxis anders aus. Zumal auch die potenzielle und webaffine Zielgruppe sehr gut einschätzen kann, wer Profi ist und wer sich nur als solcher ausgibt.

Zunehmend sieht man ohnehin, wie sich der Markt professionalisiert. Mittlerweile führen schon professionelle Vermögensverwalter eigene Social-Trading-Portfolios und auch Börsenmedien wie Börse Online betreiben wikifolios. Das wikifolio der Anlegerzeitschrift hat bereits mehr als neun Millionen Euro von den Followern eingesammelt. Die Branche erkennt das Potenzial und immer mehr Profis strömen auf die Plattformen.

Die neue Macht der Social Trader

Wir wollten die Welt der Social Trader genauer kennenlernen und haben mit einem von ihnen gesprochen. Das vollständige Interview finden sie hier.

„Viele Social Trader haben gezeigt, dass sie den Markt schlagen können und damit im Vergleich zu Fonds deutlich besser abschneiden“, sagt Lukas Spang, der sich auf wikifolio.com als „Junolyst“ einen Namen gemacht hat. Dabei verfolge jeder Trader seine eigene Strategie. „Ich suche nach Aktien, die mittel- und langfristig hohes Potenzial haben. Dabei fokussiere ich mich auf Nebenwerte und Small Caps“, verrät Spang. Seine Strategie geht auf: Die eingangs erwähnten 168 Prozent gehören zu Spangs wikifolio „Chancen suchen und finden“. Bereits mehr als 2 Millionen Euro wurden in seine wikifolios investiert – für einen Einzelkämpfer eine beachtliche Summe.

Spang sammelt allerdings nicht nur Geld ein, sondern auch „Follower“. Diese versorgt er regelmäßig mit Analysen, Einschätzungen und Kommentaren zum aktuellen Geschehen. Immer mehr Marktteilnehmer interessieren sich für seine Meinung, weshalb er auch eine eigene Webseite mit Newsletter eingerichtet hat. Das gleiche Muster sieht man auch auf anderen Plattformen: Social Trader nutzen die Plattform nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch, um sich einen Namen als Experte zu machen.

Vor allem für börsennotierte Unternehmen werden Social Trader somit zu einer wichtigen Hausnummer. „Während man damals nur die klassischen Analysten mit Informationen versorgen musste, muss man heute auch auf Social Trader eingehen. Ihre Stimme hat Gewicht und hunderte von Marktteilnehmern hören ihnen zu. Als Börsenunternehmen darf man das nicht unterschätzen“, sagt Susan Hoffmeister, Geschäftsführerin der Investor Relations Agentur Cross Alliance aus München. In einer strategischen Allianz betreut Cross Alliance gemeinsam mit der Kommunikationsagentur newskontor die Kommunikation (PR und IR) für börsennotierte Unternehmen. newskontor-Geschäftsführer und Fintech-PR-Experte Marco Cabras sieht Social Trader als die neuen Influencer an der Börse: „Social Trader kommentieren aktuelle Nachrichten bezüglich bestimmter Unternehmen und werden damit zu einer Mischung aus Analyst und Journalist. Diese spannende Kombination macht sie auch zu einem wichtigen Faktor in der Kommunikationsarbeit, den Unternehmen immer mit einkalkulieren sollten.“

„Social Trader sind wichtige Multiplikatoren“

Sarah Brylewski - Chief Marketing Officer Ayondo

Sarah Brylewski, Chief Marketing Officer bei Ayondo: „Die Verbindung zwischen Top Trader und Follower basiert auf langfristigem Vertrauen.“

Die Unternehmen haben diesen Einfluss bereits erkannt und pflegen ihren Kontakt nicht nur zu den klassischen Analysten der großen Banken und Analysehäusern, sondern auch zu den Stars von wikifolio und Co. „Social Trader haben in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung für Unternehmen gewonnen. Sie werden von Investor Relations fast ebenso behandelt wie Analysten, da ihre Multiplikatorwirkung inzwischen immens ist“, betont Thomas Schierack, CEO der Bastei Lübbe AG. Die Aktie des Unternehmens war lange Zeit auch Bestandteil von Spangs wikifolio.

Die Social Trading Plattform Ayondo betont dagegen, dass die Kommentare der Trader nicht für ein bestimmtes Meinungsbild sorgen sollen, sondern schlicht für die Kommunikation zwischen Investor und Trader gedacht sind. „Es geht bei dem von ayondo angebotenen, automatisiertem Social Trading nicht darum, einen Trend oder eine Meinung zu kreieren“, betont Brylewski. Doch ob sie es wollen oder nicht: die Trader tragen eine gewisse Verantwortung. Diese steigt mit der Zahl ihrer Follower.

„Niemals blind folgen“

Der Social Trader Spang ist sich seiner Verantwortung durchaus bewusst, merkt aber auch an, dass man an der Börse stets eine eigene Meinung haben sollte. „Man darf niemals Empfehlungen blind folgen.“ Es gelte der Grundsatz, dass man nur das kaufen solle, was man versteht.

Ein Klassiker unter den Börsenratschlägen. Es ist schon erstaunlich, dass gerade an der Börse immer wieder dieser Rat erteilt werden muss. Bei einem Staubsauger für 200 Euro schauen Verbraucher genau hin und erkundigen sich im Vorfeld – an der Börse scheint die Gier immer den gesunden Menschenverstand zu fressen.

So einfach und vielversprechend Social Trading damit auch ist: Ohne eigenes Köpfchen und kluges Auswählen geht es auch hier nicht.