Das Jahr 2017 könnte ein sehr vielversprechendes für die deutsche Fintech-Szene werden, meint Arno Walter, CEO comdirect bank AG.

Wer braucht schon ein Fintech-Nest wie London, wenn eine dezentrale Verteilung der Startups wie es sie in Deutschland gibt, große Vorteile mit sich bringt?

In diesem Gastbeitrag appelliert Arno Walter an die Fintechs, ihre Chancen zu nutzen, um die Ecke zu denken und die Banken nervös zu machen.

 

Deutschlands Fintechs auf der Überholspur

Wäre der Begriff „Fintech“ eine Aktie, es wäre ein lohnendes Invest. Zumindest, wenn man vor 2015 investiert hätte. Bis dahin interessierte sich nämlich kaum jemand für dieses Thema. Anschließend stieg das Interesse an diesem Thema sprunghaft an, wie eine Google-Trend-Auswertung zeigt. Zwischen 2014 bis heute beträgt die Steigerungsrate fast 100 Prozent.comdirect

Mittlerweile ist der Begriff endgültig im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert. Über 500 Fintechs gibt es in Deutschland. Allein im vergangenen Jahr haben sich fast jeden zweiten Tag Gründer getraut, ihr Konzept in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Zahlen aus der aktuellen comdirect Fintech-Studie widerlegen also, was uns Deutschen oftmals nachgesagt wird: die fehlende Bereitschaft, ein Wagnis einzugehen und das damit verbundene Risiko zu scheitern. Mangelnder Gründergeist? Im Fintech-Bereich Fehlanzeige.

Doch wie wird es mit der derzeit florierenden, deutschen Fintech-Branche künftig weitergehen? Auch wenn die Zahlen beeindrucken: Noch liegt die Bundesrepublik hinsichtlich der Fintech-Anzahl und dem investierten Venture Capital in Europa hinter Großbritannien. Außerdem hat London als Fintech-Standort eine wesentlich höhere Ausstrahlungskraft als deutsche Städte. Das liegt auch daran, dass sich die Finanz-Startups auf der Insel insbesondere in der Hauptstadt ballen, während sich in Deutschland mehrere Standorte parallel entwickeln. Berlin ist im bundesweiten Vergleich mit 179 Fintechs unangefochten die Nummer eins, dahinter folgen München, Hamburg und Frankfurt.

Doch ist die Beschränkung auf einen einzigen Ballungsraum nun ein Vorteil? Nicht unbedingt. Zwar bietet Großbritannien dank gelockerter Regularien und dem in der britischen Hauptstadt ansässigen größten Fintech-Labor Europas, Level 39, ein attraktives Umfeld. Im Gegenzug hat eine dezentrale Verteilung der Startups wie in Deutschland auch seine Vorzüge: Zum einen entschärft es den „War for Talents“, wie er derzeit in London zu beobachten ist. Zum anderen fördert die Standort-Vielfalt Innovationen und mehrt den Input. Zumal jeder Standort seine speziellen Vorteile bietet: Frankfurt als Bankenmetropole, Hamburg als Digitalstandort mit Google und Facebook, München mit der Nähe zu einigen großen DAX-Unternehmen und Berlin mit seiner innovativen Gründerszene. Die hohe Wachstumsdynamik der Fintech-Standorte Frankfurt, München und Hamburg zeigt auch:

Immer mehr Finanz-Start-ups suchen gezielt die Nähe zu den relevanten etablierten Partnern, insbesondere Banken.

Fintechs, aber auch Banken haben erkannt, dass sich durch das Zusammenspiel von Konkurrenz und Partnerschaft Innovationen am besten hervorbringen lassen. Ich denke, dass sich dieser Trend 2017 fortsetzen wird. Für die nähere Zukunft erhoffe ich mir von der Fintech-Szene darüber hinaus drei Dinge: Zum einen sind dies mehr Angebote im Bereich „behind the screen“. Neben der Entwicklung neuer Frontends für die Kunden sollten Fintechs noch stärker darauf schauen, wie sie Banken dabei unterstützen können, ihre Prozesse zu optimieren, um den Kunden ein rundweg digitales und damit positives Erlebnis zu bieten. Mein zweiter Wunsch an die Fintech-Szene ist die Entwicklung von wirklichen „Out of the box“-Lösungen. Verlasst und brecht angestammte Denkmuster und habt den Mut, neue Ideen zu verproben. Gerade auch wenn sie mit Finanzen auf den ersten Blick nichts oder nur wenig zu tun haben. Das können zum Beispiel Konzepte aus dem Bereich der virtuellen Realität sein. Mein dritter Wunsch an die Fintechs lautet: Seid weiter innovativ, setzt die etablierten Banken unter Druck, zwingt sie, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und zu erneuen. Sucht aber gleichzeitig auch den Austausch, wenn es sinnvoll erscheint und man so gemeinsam schneller und besser einen Mehrwert für die Kunden bietet. Lasst uns so gemeinsam Bank neu denken!

arno-walter_comdirect-2Arno Walter, CEO comdirect bank AG